Offene Arbeit im Rollenspielraum

(28.06.2021)

„Superhelden sind gefragt!“

Was ist eigentlich Offene Arbeit? Wie sieht unser Konzept eigentlich ganz praktisch im Alltag aus? Heißt es nur, dass wir alle Türen öffnen und die Kinder sich überall frei im Haus bewegen dürfen? NEIN!

Offene Arbeit heißt in erster Linie, eine offene Haltung gegenüber den Kindern und Eltern zu haben, flexibel zu denken, nicht festgefahren zu sein, sich neuen Bedürfnissen der Kinder anzupassen, mit ihnen ständig im Dialog zu sein, sie verstehen und von ihnen lernen zu wollen, sie teilhaben und mitbestimmen, mitentscheiden und mithandeln zu lassen.

Wir haben in den letzten Jahren beobachten können, welche Bedürfnisse unsere Kleinsten, die Nestkinder haben. Auch die sind nicht pauschal für alle festzulegen. Das mussten wir Erwachsenen lernen. Es gibt 2jährige, die brauchen den kleinen, geschützten Rahmen des Nests mit zwei festen BezugserzieherInnen, die Ruhe, die immer wiederkehrenden Rituale. ABER es gibt auch 2jährige Kinder, die kommen schon selbstbewusst, neugierig, forschend und abenteuerfreudig in unsere Kita und streben nach kurzer Zeit ins Offene, in die anderen Funktionsräume, zu anderen Kindern und Erwachsenen. Sie sind flügge und wollen deutlich erkennbar das Nest verlassen. Um den Kindern diese unterschiedlichen Bedürfnisse zu ermöglichen, haben wir uns dazu entschieden, die Nestgruppe für das kommende Kindergartenjahr nach unten in den ehemaligen Bauraum zu verlegen. Von dort aus haben die Kleinsten die Chance, von ihrer Tür aus das rege Treiben in der Kita zu beobachten und selbst zu entscheiden, wann sie erste Schritte aus dem Nest wagen und z.B. im Flur frühstücken gehen möchten oder die Turnhalle besuchen wollen. Auch der Weg in den Garten ist durch die direkte Terrassentür für alle eine Erleichterung.

Offene Arbeit bedeutet, das Geschehen und die Entwicklung im Haus immer im Blick zu haben und sich mit den Kindern gemeinsam zu entwickeln, anzupassen.

Nun befinden sich im oberen Stockwerk der große Bau- und Konstruktionsraum, der Rollenspielraum und ein Ruheraum zum Bücheranschauen.

Auch im Rollenspielraum wollten wir nicht den Kindern unsere Ideen und Vorstellungen aufdrängen, sondern sie am Einrichtungsprozess teilhaben lassen. Nach den UN-Kinderrechtskonventionen haben alle Kinder das Recht auf freie Meinungsäußerung und ein Mitspracherecht in ALLEN Fragen und Belangen, die ihr Leben betreffen. Partizipation und die Möglichkeit der Beschwerde muss Kindern heute unbedingt eingeräumt werden. Deshalb haben wir die Kinder eingeladen, in einem Morgenkreis mit uns gemeinsam Ideen für den Rollenspielraum zu sammeln, Bedürfnisse und Interessen zu klären und dann gemeinsam abzustimmen, wie dieser Raum in der nächsten Zeit gestaltet, möbliert und eingerichtet/bestückt werden soll. Durch diesen Prozess bekommen die Kinder das Signal von uns Erwachsenen: „Wir sehen euch als kompetente Wesen!“ , „Wir trauen euch das zu!“ , „Wir akzeptieren eure Entscheidung und helfen euch bei der Umsetzung!“ , „Wir unterstützen euch und nehmen euch ernst!“

Die Kinder stimmten klar für das Thema „Tiere und Superhelden“. Nun mussten wir mit ihnen überlegen, was sie denn alles im Rollenspielraum brauchen, um Superhelden (Paw Patrol, Ladybug u.a.) spielen zu können. Es ist wirklich toll zu beobachten, wie Kinder lösungsorientiert denken können und Verantwortung für „Ihr Haus“, „ihre Räume“ übernehmen können. Sie brachten Kostüme mit, Tierposter, schleppten Möbel, entwickelten gemeinsam Regeln für den Raum. Schon nach einigen Tagen bemerkten die Kinder, dass manche von ihnen aufgestellten Regeln nicht gut funktionieren, dass manche Materialien sich nicht bewährten und eine große Unruhe im Raum entstanden war. Sie äußerten ihre Unzufriedenheiten über die Situation im Raum und wünschten eine erneute Besprechung im Morgenkreis. Dort reflektierten wir gemeinsam die erste Rollenspielwoche und passten die Regeln und das Material neu an, veränderten auch nochmal die Einrichtung. So lernen die Kinder ganz praktisch im Alltag demokratische, politische Selbstwirksamkeit. Sie lernen, dass sie selber Verantwortung tragen, dass sie etwas verändern, bewirken können, dass man sich gemeinsam besprechen und einigen muss, damit ein Zusammenleben für alle angenehm ist. Solche Kinder wünschen wir uns, jetzt! Und so eine mündige, selbstbewusste, verantwortungsvolle Gesellschaft wünschen wir uns in Zukunft!

DESHALB arbeiten wir in dieser Kita OFFEN!

Veröffentlicht Miriam Schlimm